Heide, Watt & Dünen
- kiliandisler
- 15. Mai
- 6 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 12. Juni
Die Freude ist groß, als der Tag der Abreise endlich näher rückt. Auch in diesem Jahr geht es wieder für ein paar Tage nach Sylt. Dieses Mal sind jedoch nicht nur das Fernglas und die Kamera dabei: Auch 'Mutti Disler' ist mit von der Partie. Vor zwei Jahren konnte ich ihr zum ersten Mal diese wunderbare Insel zeigen. Seitdem ist sie begeistert von den großartigen Fahrradwegen und den endlosen Sandstränden. Deshalb dachte ich mir, wir machen es heuer noch einmal genauso.

Gleich vorweg: Mit dem Wetter im Norden ist es immer so eine Sache. Nachdem ich in den letzten Jahren schon großes Wetterglück hatte, steigt natürlich der Druck auf unseren Wettergott, sich bitte noch einmal zusammenzureißen. Diese Woche haben wir zwar die eine oder andere Wolke am Himmel, was aber ehrlich gesagt auch spannender ist, als tagelang nur diesen blauen Deckel ohne "weisse Störung" über uns zu haben.
Rote Köpfe und Fieberblasen an den Lippen sind nun die Rechnung, die wir dafür zahlen müssen. Das nehmen wir jedoch gerne in Kauf und genießen die herrlichen Temperaturen zwischen 10 und 15 Grad, die sich bei Sonnenschein deutlich wärmer anfühlen. Nur auf dem Rad oder wenn man frühmorgens aus dem Haus geht, sind Mütze und Handschuhe gefragt. Denn im Wind, der ja an der Nordsee allgegenwärtig ist, kann es richtig frisch werden.
Toller Wochenstart mit Wandern am Strand und... ...ausgiebigen Fahrradtouren
Schon am nächsten Morgen nach unserer Ankunft nehmen wir an einer Wattwanderung teil. Ich habe insgeheim gehofft, dass Silke sie wieder leiten wird, denn sie kennt das Wattenmeer vermutlich besser als jede andere. Sie erklärt, beschreibt und erzählt auf eine Art und Weise, die für alle verständlich ist und dabei fehlt es nie an Humor. Man merkt sofort: Diese Frau ist eine Expertin. Sie arbeitet im Erlebniszentrum Naturgewalten in List, plant das Personal, forscht im Wattlabor und leitet naturkundliche Führungen.
Man kann eine solche Führung online buchen oder persönlich im Museum vorbei gehen und sich danach informieren. Alle sind super nett und man erfährt immer wieder erstaunliches über die Natur. Sehr empfehlenswert, falls auch Du mal in der Nähe sein solltest und interessiert an solchen Dingen bist.
Interessiertes Grüppchen Silke marschiert voraus Ursula vor einer Miesmuschelbank Strandkrabbe (M) Strandkrabbe (M) im Sand Wattwurm
So faszinierend diese Schnecken, Krabben und Würmer auch sind: Mein Hauptinteresse gilt noch immer der Vogelwelt. Da diese morgens und abends am aktivsten sind und dann auch das schönste Licht zum Fotografieren herrscht, muss man früh aufstehen. Im Norden geht die Sonne etwas früher auf als bei uns, daher klingelt der Wecker bereits kurz nach vier Uhr.
Ich fahre noch in der dunklen Morgendämmerung in den Süden der Insel in Richtung Hörnum. Auf der Ostseite ist heute ablaufendes Wasser vorhergesagt, was für Watvögel wie ein gedeckter Frühstückstisch ist.
Meine Planung geht auf: Schon auf dem halbstündigen Fußmarsch vom Parkplatz zu einem meiner Lieblingsorte herrscht große Aktivität: Pfuhlschnepfen und Austernfischer rufen lautstark, während sie tief über dem Wasser fliegen und die Rotschenkel posieren in den Heiden. Einer steht sogar auf einem Fussballtor eines kleinen, etwas verwilderten Fussballplatzes.
Pfuhlschnepfen Austernfischer Rotschenkel
Aus Erfahrung ziehe ich gleich meine Regenkleidung an, tarne Gesicht und Hände und montiere die Kamera auf einem 'Skimmer', auch 'Ground Pod' genannt. Das ist eine Art Bratpfanne, auf der sich die schwere Kamera gut über den Sand vor sich herschieben lässt. So hat man die Hände frei und eine bodennahe Perspektive.
Sonnenaufgang 05:30 Uhr Kamera ist 'schussbereit' Der Körpereinsatz hat sich gelohnt...
An der Wasserkante entdecke ich schon die ersten Sanderlinge, die im Rhythmus der Wellen am Strand auf und ab rennen. Diese sollen heute mein Objekt der Begierde sein!
Ich robbe mühsam zur Wasserlinie, um die scheuen Tiere nicht zu erschrecken. Ich vermute, dass die Vögel mich in dieser liegenden Position vielleicht für eine Robbe halten. Jedenfalls schnaufe ich wie ein Walross, denn es ist anstrengender, als man denkt...
Nach einer gewissen Zeit gewöhnen sich die Vögel dann an mich und der Abstand zu ihnen wird immer kleiner. Manchmal sind die Sanderlinge so mit der Nahrungsaufnahme beschäftigt, dass nur noch wenige Meter zwischen ihnen und meiner Kamera liegen; Schon fast zu nah, um fokussieren zu können. Umgeben von diesen kleinen Pickern genieße ich den Moment auch mal, ohne den Auslöser zu drücken. Doch Vorsicht: Schon die kleinste Bewegung kann sie aufschrecken und in die Flucht schlagen! Daher muss ich regungslos bleiben und nur kleine Bewegungen in kräfteraubenden, zeitlupenartigen Abläufen ausführen. Vor Freude könnte ich aber aufspringen... .
Sanderling Sanderling Sanderling auf Nahrungssuche Sanderling im Prachtkleid Sandering beim baden Sanderlinge im Flug Sanderling Sanderlinge beim Powernap Graugänse Ringelgänse Zwergseeschwalbe mit Sandaal Sandregenpfeifer (M) Sandregenpfeifer (M) Sandregenpfeifer (W) Steinwälzer
Den Nachmittag verbringe ich dann wieder mit meiner Mutter.
Mit unseren gemieteten Fahrrädern erkunden wir die Insel. Es ist zweifellos das beste Fortbewegungsmittel hier auf Sylt, natürlich vorausgesetzt, das Wetter macht mit. Mit dem Fahrrad erreicht man die schönsten Orte und entdeckt charmante kleine Cafés hinter den Dünen, die man vom Auto aus nicht einmal hätte erahnen können.
Die meisten Radwege verlaufen abseits der Autostraße, sodass man nebeneinander fahren und plaudern kann, sofern der manchmal kräftige Wind einem nicht die Worte im Mund erstickt. In der Nebensaison, sei es im Herbst oder wie jetzt im Frühling, bleibt man von den berüchtigten Besucheranstürmen noch verschont: Die Strände sind leer, im Restaurant benötigt man keine Reservierung und der Verkehr ist entspannt.
Tolle Fahrradwege Sonnenbaden in Kampen Barfuss im kühlen Sand- herrlich! Überrascht von einer Welle... Aber zum baden ist es noch zu frisch- für UNS ;) Nördlicher Weststrand Traumhafte Anwesen Kaffe & Kuchen in der Kupferkanne Sonnenuntergang am Lister-Weststrand
Nur an diesem Wochenende findet zufällig die OCC-Küstentrophy statt, eine Oldtimer-Rallye zwischen Dänemark und Sylt. Da gab es etwas für die Augen, Ohren und die Nase... Die haben wirklich Wetterglück und genießen sichtlich ihre Fahrt. Wir hingegen geniessen die Sonne in den noch zahlreichen freien Strandkörbe mit einem Coffee to Go und lauschen dem tiefen grollen der Brandung und dem hellen Geschrei der Silbermöwen. Herrlich.
Auf unseren Erkundungstouren sind wir immer wieder fasziniert von diesen trocken wirkenden Heidelandschaften entlang der Radwege. Je nach Heideart blühen manche erst im September, während andere bereits zwischen Mai und Juli zu blühen beginnen. Auch die Gräser und Büsche ziehen zunehmend unsere Aufmerksamkeit auf sich. Eine Dünen-Exkursion soll hier "Licht ins Dunkle" bringen.
So treffen wir uns morgens um 10 Uhr bei der Kurverwaltung in List und freuen uns auf zwei spannende Stunden. Diane, auch sie arbeitet im Erlebniszentrum Naturgewalten, begrüßt uns und kurz darauf folgen wir ihrem zügigen Schritt in die Lister Dünen.
Wir erfahren, dass es unterschiedliche Arten von Heiden gibt: Besenheide, Glockenheide, Kriechweide und wahrscheinlich einige mehr. Zudem entdecken wir gemeinsam Moose, Nelken und den Rundblättrigen Sonnentau; eine einheimische fleischfressende Pflanze.
Diane führt uns zum Dünenbalkon Besenheiden, Kriechweiden und Strandhafer Besenheide Hohlblätter der Krähenbeere Glockenheide Rundblättriger Sonnentau Rentierflechte; riecht pilzig Wanderdünen Lebensraum der Kreuzkröte Betreten verboten!
Es erstaunt mich immer wieder, wie sich die Natur an bestimmte Bedingungen anpasst: Die Krähenbeere zum Beispiel hat kleine, fleischige Blätter, die bei näherem Hinsehen eingerollt sind. Dies schützt die Pflanze vor übermäßiger Wasserverdunstung durch den ständig wehenden Wind!
Eine große, haarige Raupe quert unseren Weg. Diane meint, dass wir diese besser nicht berühren, da sie je nach Hauttyp allergische Reaktionen auslösen kann: Es handelt sich um die Raupe des gleichnamigen Schmetterlings (Nachtfalters), den Goldafter.

Während dieser gut zweistündigen Wanderung begegnen wir auch den gefiederten Bewohnern dieser teils steppenartigen Landschaft. Sehr verbreitet und unüberhörbar sind Wiesenpieper, Dorngrasmücken und natürlich die zahlreichen Jagdfasane. Das Weibchen dessen ist sehr gut getarnt und daher nicht so häufig zu sehen wie das auffällige Männchen.
Auch gut hörbar ist der Kuckuck, dessen Ruf wohl jeder kennt. Doch die meisten sind überrascht über sein Aussehen, wenn sie ihn überhaupt einmal zu Gesicht bekommen. Er ist nämlich ein richtiger Heimlichtuer! Ich hatte jedoch das große Glück, dass er sich für ein Foto kurz auf einen Pfahl gesetzt hat. Die Goldafter-Raupe gehört übrigens ganz nach oben auf seinem Speiseplan !
Jagdfasan gut versteckt... Jagdfasan (M) Jagdfasan Kuckuck
Nun gibt es noch die Kooge; so nennt man eingedeichtes Land. Es handelt sich um eine weitere Landschaft mit einer großen Artenvielfalt, die es wert ist, erkundet zu werden. Goldregenpfeifer, Uferschnepfen, Kiebitze, Säbelschnäbler, Rohrweihen, Schilfrohrsänger, Bluthänflinge... Diese Liste ist keineswegs abschliessend. Bei unserem Besuch können wir einige dieser Arten entdecken.

Kiebitz Kiebitz (pull.) Rotschenkel Austernfischer Singende Schaftstelze Sturmmöwe Uferschnepfe Uferschnepfe Rauchschwalbe Rauchschwalbe Feldlerche Säbelschnäbler aufgeschreckt von einem Feldhasen Säbelschnäbler Säbelschnäbler verteidigt seine Brut Flussuferläufer
Ein kurzer Tagesausflug nach Dänemark beendet unseren Urlaub an der wunderschönen Nordsee. Ursprünglich hatten wir einen Besuch auf Helgoland geplant. Doch da der Katamaran der Adler-Schiffe unerwartet repariert werden muss, fällt der stets so abenteuerliche Ausflug zu dieser Hochseeinsel buchstäblich ins Wasser. Besonders für meine Mutter hätte ich mich gefreut, da es für sie eine Premiere gewesen wäre.
So entscheiden wir uns spontan für eine Überfahrt nach Dänemark. Dadurch entdecken wir einen neuen Ort und meine Mutter kann doch noch auf ein großes Schiff. Nach nur 40 Minuten verlassen wir die Fähre, denn die Überfahrt nach Rømø--Havneby dauert nicht länger. Etwas ernüchtert stellten wir fest, dass hier nicht viel los ist. Auch optisch gibt es nichts, was wirklich beeindruckt. Doch für den Gaumen werden wir positiv überrascht: Im kleinen Restaurant 'Frankel 5' geniessen wir jeweils einen großartigen Teller mit Meeresfrüchten und Fisch. Dazu ein Glas Wein, Sonnenschein und der Blick über die Strandpromenade auf das Wattenmeer. Hunderte Austernfischer und Pfuhlschnepfen schreien um die Wette.
Auf dem windigen Deck nach Rømø Krabbenkutter vor dem Leuchtturm List-Ost (Ellenbogen) Zwergseeschwalbe mit Sandaal Leckeres Mittagessen auf Rømø Rückfahrt- die Fähre ist angekommen Die Heimreise steht an: Noch einmal die Nordsee geniessen
Einige Stunden später geniessen wir erneut die würzige Seeluft auf dem windigen Deck. Kurz begleitet uns eine Zwergseeschwalbe aus fotogener Distanz, bevor die Fähre wieder in List anlegt und einige große Wohnmobile, Autos und Radfahrer an Land lässt.
Eine tolle Zeit mit vielen Eindrücke naht dem Ende. Vor Wind und Sonne schützenden Strandkorb verbringen wir die letzten Stunden, ehe wir die Heimreise zurück in die Schweiz in Angriff nehmen.




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